Montag, 11. Januar 2016

Indianisch für Anfänger von Kerstin Groeper



Nach ihrem erfolgreichen Schulabschluss beschließt die junge Kaja ein Jahr als Au-Pair-Mädchen nach Amerika zu gehen. Sie träumt neben dem Job als Kindermädchen davon auf ein College zu gehen und ihr Englisch zu verbessern sowie viel feiern und einkaufen zu gehen. Dass meist alles anders kommt, als man denkt, hat sie jedoch nicht beachtet. Denn als sie sich gegen drei Kinder sondern nur für ein Kind entscheidet, verschlägt es die unvorbereitete Kaja in ein Indianerreservat. Professor Overstreet und seine Familie bewohnen dort ein beschauliches Häuschen inklusive drei Pferde. Fernab jeglicher Zivilisation - so findet Kaja. Doch, was noch viel schlimmer ist. Die Gastmutter erleidet einen schlimmen Schlaganfall und Kaja steht bereits am ersten Tag allein mit dem kleinen Kind des Hauses da. Beherzt fügt sie sich vorerst ihrem Schicksal und versucht der Familie unter die Arme zu greifen, wo sie nur kann. Auch ihr Collegebesuch fällt anders aus als gedacht. Als einzige "Weiße" unter unzähligen "Natives" wird ihr der Start in ihr Au-pair-Jahr nicht leicht gemacht. Doch nach und nach freundet sich Kaja mit ein paar der indianischen Mädchen an und beginnt deren Sprache Lakota zu studieren. Außerdem hat sie bald einen Nachhilfeschüler der sie sichtlich aus der Fassung bringt. Denn der junge Indianer Sonny scheint nicht nur am Lernen interessiert zu sein. Doch für Kaja steht fest, dass sie sich nicht auf einen Indianer einlassen wird - oder doch nicht? Für Kaja beginnt ein Jahr zwischen einer geschichtsträchtigen Kultur, amerikanischem Haushalt und der knallharten Realität.

Ich durfte das Buch im Rahmen einer Leserunde lesen und muss sagen, dass es mir ganz gut gefallen hat, auch wenn ich mit der Protagonistin Kaja nicht gleich warm geworden bin. Kaja ist zu Beginn sehr zickig und kaltschnäuzig und schreckt auch nicht davor zurück ihren Gastvater in peinliche Situationen zu bringen. Ihre herablassende Art und die wie sie die Dinge sieht, haben mich erst einmal schlucken lassen und ich wusste nicht, ob ich das Buch unter diesen Umständen weiter lesen kann. Doch wenn man sich erst einmal auf die Geschichte eingelassen hat, dann darf man erleben, wie Kaja sich grundlegend ändert und die Ding aus völlig neuen Gesichtspunkten sieht. Was man ihr von Anfang an zu Gute kommen lassen muss ist, dass sie den Professor in seiner Situation nicht allein lässt und die Zügel in die Hand nimmt, um ihn zu unterstützen. Auch ihr Interesse an der Sprache und Kultur der Indianer finde ich sehr bemerkenswert.
Das Buch zeigt bereits zu Beginn auf, wo es heute noch Reibungspunkte zwischen den "Weißen" und den "Natives" gibt. Da ist auf der einen Seite die bitterböse Armut der Indianer, die Ungleichheit zwischen "Weiß" und "Native" und die Abneigung gegen Außenseiter. Auf der anderen Seite sieht der Leser die geschichtsträchtige Kultur, an der die Indianer fest halten und deren Stolz. Der Leser hat die Chance in eine fremdartige Kultur einzutauchen und erlangt so Hintergrundinformationen, die man so in keinem Schulgeschichtsbuch findet. Das Buch ist gut recherchiert und ab und an ertappt sich der Leser dabei, wie er das eine oder andere googlet, um zu sehen, ob man es sich so richtig vorgestellt hat. Das Buch macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

Die Liebesgeschichte zwischen Sonny und Kaja ist auf der einen Seite sehr niedlich zu lesen, auf der anderen Seite habe ich mich manchmal wirklich gefragt, ob die beiden sich im wirklichen Leben auch so begegnet wären. Sie sind beide Dickköpfe und ich an Kaja ihrer Stelle hätte mich wohl mit der ruppigen und kaltschnäuzigen Art von Sonny nie und nimmer anfreunden können. Oft geraten die beiden aneinander, weil er eifersüchtig ist, während für sie die eine oder andere Sache mehr als normal ist. Da knallen einfach Kulturen aufeinander, bei denen Streit vorprogrammiert ist. Es ist interessant zu lesen, wie die beiden mit der jeweiligen Situation umgehen. Auch Kajas Umgang mit den anderen Menschen ist mir manchmal ein rätsel gewesen, manchmal habe ich sie dafür gehasst, manchmal bewundert. Kaja nimmt auch gern einmal ein Fettnäpfchen mit, was sie in meinen Augen wieder sehr sympathisch macht.

Was die Geschichte für mich aber neben der Kultur besonders interessant gemacht hat, war die Umschreibung der Landschaft. Am liebsten hätte ich mich selbst gleich in den Flieger gesetzt und wäre dorthin gefahren - natürlich nicht im Winter und ohne Klapperschlangen. Aber diese Beschreibungen waren wirklich so gut, dass sie einfach zum Träumen eingeladen haben. Allgemein ist die Schreibweise der Autorin sehr frisch und die Geschichte lässt sich sehr flüssig lesen. Fragen bleiben eigentlich keine offen, sodass man sich voll und ganz auf den Verlauf der Story konzentrieren kann. Da stören auch die zeitweise englischen bzw. indianischen Sätze und Wörter nicht. Der Sinn ergibt sich sofort während des Lesens.

Wer zu diesem Buch greift, trifft eine wirklich gute Wahl. Das Cover wirkt exotisch mit dem blonden Mädchen und dem Indianerschmuck. Doch der Inhalt ist wirklich sehr wertvoll. Empfehlen möchte ich dieses Buch allen Mädchen, die sich für Amerika, Indianer und Geschichte sowie fremde Kulturen interessieren. Wer eine gute Liebesgeschichte mag, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten. Doch stellt euch auch darauf ein, dass die eine oder andere Situation in dem Buch auch beklemmend ist, wenn z.B. auf die Armut der Indianer hingewiesen wird. Das Buch entspricht der brutalen Realität und schönt nichts aus. Doch das ist gerade das, was ich an dieser Geschichte so toll finde.

  • Broschiert: 328 Seiten
  • Verlag: TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG (18. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3941485466
  • ISBN-13: 978-3941485464
  • Größe und/oder Gewicht: 14,2 x 3,2 x 21,6 cm

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