Donnerstag, 3. Dezember 2015

Entführung mit Jagdleopard von Kirsten Boie

Heute habe ich für euch eine Rezension im Gepäck, von einem Buch, welches mich persönlich tief getroffen hat. Ich bin noch immer schockiert, dass es ein Kinderbuch sein soll, doch lest selbst:




Genau drei Tage vor meinem zehnten Geburtstag habe ich beschlossen, Großes zu vollbringen und mit Ebru zusammen die Welt zu retten. (Satz 1, S. 5)

Ich hab den Eimer also an das Ende vom Sofa gestellt, wo Mamas Kopf war, und hab sie an der Schulter gerüttelt. " Da kannst du reinkotzen!", hab ich gesagt. "Hast du gehört? Nicht wieder daneben.". (S. 19)

Die zehnjährige Jamie-Lee lebt ein Leben, welches man keinem Kind wünschen möchte. Die Oma kümmert sich hauptsächlich nur um sich selbst, die Mutter ist Alkoholikerin und meist zu nichts zu gebrauchen. Der Bruder Chuck hat es ebenfalls faustdick hinter den Ohren und schreckt auch nicht davor zurück zu stehlen. Als Jamie-Lee mit ihrer Freundin Ebru festlegt,d ass sie etwas Gutes in der Welt vollbringen möchte, um die Welt besser zu machen, kommt es ihr gerade recht, dass die Oma ihre Mutter in eine Entzugsklinik einweisen lässt und selbst nach Polen zu ihrem Freund fährt. Mit 10 € in der Tasche von Oma, macht sich Jamie-Lee auf den Weg in den Supermarkt, wo sie auf das pummelige Mädchen Fee trifft. Dass Fee mit ihrer Situation sehr unzufrieden ist, weil sie in ein Abnehminternat soll, erkennt Jamie-Lee sofort und nimmt sie mit zu sich nach Hause, damit sie sich dort verstecken und ihren Eltern einen Schrecken einjagen kann. Als sie dann schließlich auch noch Herrn Wildeck mit seinem Jagdleoparden Obdach gewährt, scheint das Chaos perfekt. Zwischen Geldmangel, Hunger, Lügen und vielen weiteren Problemen versuchen die Kinder und Herr Wildeck das Beste aus ihrer Situation zu machen.

"Aber wenn du weiter so rumgröhlst - happs!, und Rübe ab!", hat Chucky von vorne gesagt. "Also halt gefälligst endlich das Maul!". Was sollte da Mama anderes tun? Sie hat auf der Rückbank gesessen und gezittert. Ob das nun wegen Kröger war oder auch ein bisschen, weil ihr der Schnaps ggefehlt hat, kann ich aber nicht sagen. (S. 237)

Ich durfte das Buch im Rahmen einer Leserunde lesen und muss sagen, dass ich schockiert bin. Auch wenn der Schreibstil der Autorin gut verständlich ist und ich mir sicher bin, dass er durchaus für junge Leser begreifbar ist, bin ich mit dem Inhalt ganz und gar nicht zufrieden. Ja, um es noch einmal zu sagen, ich bin zutiefst schockiert und nicht nur ich, sondern meine Familie auch!

Die Protagonistin Jamie-Lee scheint von Grund auf ein gutes Mädchen zu sein, hat sie es ja nicht so einfach mit einer Mutter die trinkt und einer Oma, die sie auch nur vernachlässigt. Sie ist es gewohnt nicht immer etwas zu essen zu haben, nur in den billigsten Läden zu kaufen. Sie hat gelernt, wie man Leute austricksen muss, damit sie nicht merken, dass bei ihr in der Familie etwas im argen ist. Sie weiß als, Äpfel für die Schule, anstatt Chips. Immer da sein, damit das Amt nicht kommt, daran wird sie auch von Oma aus Polen immer fleißig erinnert, damit ja keiner merkt, dass die Kinder allein sind. Schlimm, aber sicher in manchen sozialen Schichten in Wirklichkeit auch so. Dazu kommt noch, dass Jamie-Lee sehr naiv ist. Einen fremden Mann mit in die Wohnung nehmen? Da schrillen alle Alarmglocken, oder?

Ihr Bruder Baron Chuck, scheint im allgemeinen ein recht ruhiger Genosse zu sein, schreckt aber nicht davor zurück zu klauen. Außerdem ist er immer darauf bedacht Profit zu machen und cool zu wirken. Oft scheint er unberechenbar und schreckt auch nicht davor zurück verbal gegen seine Mutter vorzugehen.

Dann haben wir da noch die pummelige Fee. Sie tut einem schon sehr Leid, wenn man liest, wo sie hin soll und warum. Jedoch hat sie meiner Meinung nach eindeutige Anzeichen einer verwöhnten Göre. Sich verstecken, dass Mama und Papa merken, dass was fehlt. Damit sie einen richtigen Schrecken bekommen. Und auch noch eine Entführung vortäuschen, na da fehlen mir wirklich die Worte.

Die Mutter der Kinder ist ein Fall für sich. Alkoholiker kommen in unserer Gesellschaft nicht selten vor. Ich habe solche Fälle schon selbst erlebt. Es sind bemitleidenswerte Personen, die eindeutig eine charakterschwache Persönlichkeit haben. Egal wie viel Frust und Kummer man hat, vor allem, wenn Kinder im Spiel sind, sollte man sich zusammen reißen. Dass das Jugendamt in dem Fall nicht mehr geschaltet hat, ist leider der Realität entsprechend. Auch wenn es erschreckend zu lesen war.

Dass die Oma der Kinder es wirklich fertig bringt, sie allein zu lassen und dann auch noch mit nur zehn Euro, schlägt dem Faß ja den Boden aus! Ich könnte mich noch immer aufregen. Schatzi hier und Schatzi da, bringt Kindern nicht viel, wenn sie Hunger haben und verwahrlosen... und das wäre in der Realität ganz sicher passiert. Nett auch, dass die Oma Jamie-Lee und Chuck vorhält, dass die Kinder der Untergang der Mutter waren, weil so jung Mutter zu sein und dann zu zwei Kindern kein Vater, ganz klar, dass da natürlich die Kinder der Untergang sind und nicht sie als Oma und Mutter. Für mich ist die Oma eine egoistische Trulla. Mehr nicht.

Herr Wildeck scheint in dem Roman der einzig normale Mensch zu sein, auch wenn ich es nicht gut heißen kann, dass er den Jagdleoparden Kröger aus dem Zirkus entwendet hat. Doch er kümmert sich um den Haushalt, kümmert sich um die Kinder und hilft ihnen. Sogar der Mutter hilft er auf seiner Weise. Das finde ich richtig gut. Trotzdem hat sich Herr Wildeck mit seinem Mithandeln in viele Probleme gebracht, die so nicht hätten sein müssen.

Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Zwar waren die Kapitelanfänge durch die Zeichnungen herzallerliebst und haben das ganze Buch aufgelockert, aber der Inhalt war für mich doch zu übertrieben und zu sehr mit Fäkalsprache behaftet. Auch wenn viele Worte mit Sternchen versehen waren, kommt bei einem jungen Leser von 10 Jahren eventuell die Frage, was die Wörter denn heißen und dann wünsche ich den Eltern viel Spaß beim erklären, was ein Arschloch, Penner, Pisser, Wichser etc. ist, wenn die Kinder das noch nicht aus ihrem Umfeld kennen. Ich würde das Buch nie und nimmer so auf junge Leser loslassen. Durchaus sind auch witzige Szenen enthalten, die aber meiner Meinung nach nicht wirklich überwiegen.

Leider kann ich dieses Buch somit nicht empfehlen. Ich würde mich ehrlich gesagt schämen, wenn ich es verschenken würde und nicht wüsste, was da drin steht. Ich finde die Sprache und Umgangsformen in dem Buch wirklich nicht gut und ich kann mir gut vorstellen, dass eine Mutti oder ein Vati das auch nicht unbedingt toll findet, wenn die Tante ein Buch verschenkt, wo so etwas drin steht.



  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Oetinger (15. Oktober 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3789120235
  • ISBN-13: 978-3789120237
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Größe und/oder Gewicht: 15,6 x 3,3 x 21,7 cm

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