Mittwoch, 2. Dezember 2015

Die Kriege der Viktoria Savs: Von der Frontsoldatin 1917 zu Hitlers Gehilfin - vom Autor Frank Gerbert


Viktoria Savs ist nicht wie andere Mädel in ihrem Alter. Sie interessiert sich nicht für Mädchensachen, ist eher buschikos und liebt das Wandern durch ihre Heimat. Als der erste Weltkrieg ausbricht und Österreich Italien den Krieg erklärt, meldet sie sich sofort freiwillig zum Kriegsdienst. Etwas, was kaum eine Frau vor ihr getan hat. Zu Beginn wird ihrer Bitte nicht nachgegeben, doch sie schafft es irgendwie an die Front zu kommen und dort zuerst in einer Baubrigade mit zu helfen. Sie kämpft unter falscher Identität an der Seite vieler Männer und schließlich an der Seite ihres Vaters, bis sie im Kriegsgeschehen einen Fuß verliert und als Invalide das Schlachtfeld verlassen muss. Nach Kriegsende wird es sehr ruhig um Viktoria, sie lebt in ärmlichen Verhältnissen und kämpft immer wieder für ihre Rechte, bis sie schließlich als Mitglied der NSDAP wieder auftaucht und von den Nazis als Heldin neu interpretiert wird.

Frank Gerbert analysiert die Heldin Viktoria Savs kritisch mit fundierten Fakten. Nicht nur, dass er das wieder gibt, was er aus ihrem Nachlass und Erzählungen erfahren konnte, er recherchiert auch genau wer sich in ihrem Umfeld befand und welche Rolle diejenige Person gespielt hat. So erfahren wir, dass Viktoria nicht überall als Heldin gefeiert worden ist, sich ihren Platz in der Welt erkämpfen musste oder gezielt für die Propaganda Adolf Hitlers eingesetzt wurde. Wir erfahren, welche Beweggründe sie hatte, in den Krieg zu ziehen, man bekommt weitreichende Eindrücke von der Front und der damaligen Zeit vermittelt. Zeitungsartikel und Briefe werden kritisch betrachtet, Möglichkeiten der Interpretation geboten und eigene Gedankengänge gefördert. Durch Bildmaterialien veranschaulicht der Autor den Charakter Viktoria Savs noch mehr, was ich persönlich ganz wunderbar finde, weil man sich die Zeit bzw. die Umstände noch besser vorstellen kann.

Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert für jene, die gern Biografien lesen oder sich gern mit dem ersten oder zweiten Weltkrieg und dessen Geschehnisse beschäftigen. Empfehlenswert ist es aber auch für Studenten und Schüler, da es neue Seiten der medialen Kriegsführung beinhaltet. Anhand des Buches lässt sich erkennen, wie manipulativ in der Zeit Hitlers geschrieben und berichtet worden ist. Das Buch ist nicht nur als Biografie zu betrachten, sondern auch als Möglichkeit über verschiedene Dinge nachzudenken, sei es der Krieg, die Persönlichkeit eines Menschen oder der Holocaust. Das Buch regt dazu an noch weiter über den Tellerrand hinaus zu schauen und noch mehr in Erfahrung zu bringen. Wirklich sehr gut gelungen.

  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Kremayr & Scheriau; Auflage: 1 (1. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 321800991X
  • ISBN-13: 978-3218009911
  • Größe und/oder Gewicht: 14,6 x 2,2 x 22,3 cm

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